Gedenken und Gedanken

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Vor einer Woche war Allerheiligen. (Für die jüngere Generation: das ist der Tag nach Halloween.) An diesem Tag gedenkt man der Verstorbenen, zündet eine neue Kerze auf dem Friedhof an und lässt seine Gedanken ein wenig Richtung Vergänglichkeit streifen.

An Allerheiligen selbst war ich ja nun mit dem Balkongarten beschäftigt, daher habe ich den Gang über den Friedhof heute nachgeholt. Da meine Angehörigen alle in Stuttgart oder Völklingen beerdigt sind, nehme ich dabei gerne die Gelegenheit wahr, einen Friedhof auch wegen seiner Schönheit zu besuchen. Mein Lieblingsfriedhof ist der Alte nördliche Friedhof, der bereits 1944 aufgegeben wurde und seit dieser Zeit den Anwohnern und Besuchern als Park, Rückzugsort und Naherholungsstätte dient. Heute beispielsweise begegneten mir auf meinem Spaziergang ca. 20 Joggerinnen und Jogger, eine größere Gruppe Photo-Walker, 3 Geocacher, 3 Ehepaare mit Kinderwagen und diverse ältere Personen auf Sonntagsausflug.

Alter nördlicher Friedhof

Was ich besonders liebe, sind die alten Grabsteine, die von den Personen erzählen, welche sich vor fast einem Jahrhundert um die Stadt verdient gemacht haben, deren Namen aber meist nur noch mit irgendwelchen Straßen in Verbindung gebracht werden. So liegt hier beispielsweise Ludwig Samson Heinrich Arthur Freiherr von und zu der Tann (* 18. Juni 1815 in Darmstadt; † 26. April 1881 in Meran, Südtirol), der Namensgeber des Von-der-Tann-Tunnels, einem ewigen Ärgernis im Berufsverkehr. Tatsächlich war er ein hochdekorierter Militär, der es im Krieg gegen Frankreich bis zum General des I. Infanterieregiments brachte. Sein Grab befindet sich in den Arkaden am Eingang des Friedhofs.

Von der Thann

Eine weitere Persönlichkeit wurde an der Südmauer des Friedhofs bestattet: der Dichter und Mediziner (damals war das kein Widerspruch) Hermann Lingg (* 22. Januar 1820 Lindau; † 18. Juni 1905 München). Von seinen Balladen, Erzählungen und Gedichten kannte ich bisher nur Schweizer und Landsknechte, bei Gelegenheit sollte ich vielleicht einmal weitere Werke von ihm lesen. Während ich so seinen Grabstein lese, fällt mir dieser Kranz auf, den ich schon bei von der Tann gesehen habe:

Noerdlicher-Friedhof-02

Und je aufmerksamer ich über den Friedhof schlendere, um so mehr dieser Kränze entdecke ich: an all den Gräbern von großen Persönlichkeiten der Münchner Geschichte hat es sich die Stadt München nicht nehmen lassen, zu Allerheiligen einen schönen kleinen Kranz mit Schleife niederzulegen. Obwohl der Friedhof also bereits vor 70 Jahren aufgegeben wurde, die dort bestatteten Personen sind nicht vergessen – zumindest diejenigen nicht, die der Stadt einen Dienst erwiesen haben.

 

Autor: Kitty

Büchermachender Bücherwurm mit feministischen Tendenzen und einer dunklen Vergangenheit im Bildungswesen. Kommuniziert viel, gerne und macht das irgendwie auch beruflich.

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