Torres del Paine / Paine Grande
Torres del Paine / Paine Grande

Wenn einer eine Reise tut …

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… dann kann er was erzählen. Tatschlich weiß ich gar nicht so genau, wo ich mit dem Erzählen anfangen soll. Bei der faszinierenden Einsicht, dass man sich wirklich auf den ersten Blick in eine Stadt verlieben kann – und die nächste dafür umso mehr verabscheut? Oder bei der unglaublichen inneren Ruhe, die der Blick auf die Berge in Patagonien bietet? Oder vielleicht doch bei dem wahnsinnigen Moment, wenn man mitten im Nirgendwo einer 10.000m² großen Salzwüste steht?

Wir waren, einige wenige haben es mitbekommen, 6 Wochen in Südamerika unterwegs. Es war nicht einfach nur Urlaub; es war für uns beide eine Auszeit. Ein Durchatmen.

Wir hatten uns das schön länger gewünscht, immer wieder davon geredet: eigentlich müssten man mal weg von hier, raus in die Welt, für länger, denn wenn man schon an das andere Ende der Welt fliegt, was will man dann in drei Wochen schon sehen und erleben? Immer wieder haben wir davon gesprochen, und als ich dann kündigte und der neue Job auf ein Jahr befristet wurde, war er schnell da, der Gedanke: das ist die Gelegenheit! Ins Blaue hinein, ohne zu wissen, wie es sich beruflich bei mir entwickelt, haben wir mit der Planung für eine Auszeit begonnen, die nicht ganz ein Sabbatical war, uns aber doch so vorkam.

Sabbatical light

Tatsächlich sprachen wir zwischenzeitlich von 3 Monaten unterwegs sein, der Mann kann sich schließlich selbst Urlaub geben, und mir wurde gesagt, dass es mit Übernahmen ja sehr schwierig sei. Und dann, Mitte letzten Jahres, wir hatten den Reiseverlauf schon bis in den Januar festgelegt, kam auf einmal diese neue Stelle um die Ecke. Da hatte ich mich aber schon so an den Gedanken gewöhnt, durch die Anden zu wandern, dass ich das nicht aufgeben wollte. Gut, keine 3 Monate mehr, aber doch immerhin die 6 Wochen, die wir schon geplant hatten. Siehe da, als ich das beim zweiten Berwerbungsgespräch zur Sprache brachte, war es überhaupt kein Problem. Man muss nur darüber reden.

Neuen Job also angetreten, und schwupps! ist auch schon November und der Tag des Abflugs da. Noch nie konnte ich so schnell abschalten und die Arbeit zu Hause lassen. Noch nie war ich gedanklich sofort dort, wo ich mich aufhielt. Und noch nie habe ich von einem Urlaub, in dem ich quasi ständig auf Achse war, so eine Entspannung mit nach Hause gebracht, wie von diesem.

Mach dich locker

Bereits auf Cuba war sie uns begegnet, diese Gelassenheit, die uns Deutschen so oft so fremd ist. Eine grundentspannte Einstellung dem Leben gegenüber, dass sich schon alles finden wird. Der Bus kommt – oder er kommt nicht. An der Grenze kommt man dran – irgendwann. In La Paz gibt es Wasser – vielleicht. Nach etwa zwei Wochen hatten wir uns wenigstens soweit aklimatisiert, dass wir diese Situationen zumindest länger aushalten konnten als das zu Hause der Fall gewesen wäre.

Die Entspannung lässt einen verpasste Anschlussflüge, Taxifahrten durch eine der gefährlichsten Städte Südamerikas, amerikanische Passkontrollen oder 500m-Sprints einen steilen Berg auf 3.600 Höhenmetern hinauf ertragen – ist also eigentlich gar nicht so verkehrt. Und auch jetzt noch verspüre ich diese innere Ruhe und Ausgeglichenheit, sie trägt mich durch den Tag, und der Stress, der in der Arbeit auf mich einprasseln will, weil jetzt am Jahresanfang alles wieder vor einem liegt – er erreicht mich nicht. Ich sehe ihn, ich bemerke ihn, aber jetzt, gerade im Moment, kann er mir nichts anhaben.

In der Ruhe liegt die Kraft

Ich weiß nicht, wie lange dieser Zustand anhält. Darüber will ich eigentlich auch nicht nachdenken. Gerade jetzt will ich einfach nur genießen, wie gut es mir geht, in Erinnerungen schwelgen, mich in der Balance halten. Versuchen, der Tretmühle des Alltags so lange es geht nicht ins Getriebe zu geraten. Mich über Kleinigkeiten freuen. Mich über nichtige Dinge nicht aufregen. Meine freie Zeit nicht immer verplanen, sondern mir Raum für mich geben. Mit dem Mann über Triviales reden, nicht über den nächsten Einkauf. Mir Zeit zum Kochen nehmen. Am Esstisch essen. Schlafen, wenn ich müde bin. Frische Luft atmen. Durchatmen.

Ein. Und aus.

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Autor: Kitty

Büchermachender Bücherwurm mit feministischen Tendenzen und einer dunklen Vergangenheit im Bildungswesen. Kommuniziert viel, gerne und macht das irgendwie auch beruflich.

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