Rituale: Morgens ein Glas Wasser trinken
Rituale: Morgens ein Glas Wasser trinken

Die Macht der Rituale – geht es auch ohne?

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Seitdem das Thema „Achtsamkeit“ in den Medien immer häufiger jenseits der Psychologie- und Esotherik-Magazine auftaucht, wird auch gerne beschworen, dass Rituale für die persönliche Entwicklung unheimlich wichtig sind. Seien es die Morgenrituale erfolgreicher Frauen, der von manchen zelebrierte rituelle Mittagsschlaf oder der abendliche Ritus rund um die Körperhygiene, bevor man sich zur Ruhe bettet: alles und jedes scheint nun nicht mehr einfach nur eine Tätigkeit zu sein, sondern wird bei mehrfacher gleichartiger Ausführung gleich zum Ritual stilisiert. Der Gebrauch dieses kleinen Wortes erscheint mir dabei mitunter fast schon inflationär.

Die Definition von Ritual laut Duden, wenn man die religiöse, ursprüngliche Bedeutung beiseite lässt, beschreibt es als „wiederholtes, immer gleichbleibendes, regelmäßiges Vorgehen nach einer festgelegten Ordnung; Zeremoniell“.  Derartige Rituale sollen also dabei helfen, sich um sich selbst zu kümmern und Struktur ins eigene Leben zu bringen. Mir machen sie stattdessen nur mehr Stress.

Es ist nicht so, dass ich es nicht versucht hätte. Nehmen wir beispielsweise das „Morgenritual“. Das einzig Gleichbleibende daran seit ungefähr 18 Jahren? Dass jeder Morgen mich wieder überrascht. Ich stehe jeden Tag zu einer anderen Uhrzeit auf. Manchmal mache ich dann Sport, manchmal drehe ich mich noch einmal um. Manchmal putze ich gleich die Zähne, manchmal erst nach dem Duschen. Frühstück machen klappt selten, öfter mal nehme ich mir einen Smoothie mit, oft besorge ich mir unterwegs oder in der Arbeit etwas zu essen. Ich peile jeden Tag eine bestimmte Uhrzeit an, um in der Arbeit anzukommen – manchmal bin ich früher, öfter mal später, selten exakt zu anvisierten Zeit am Platz. Bis ca. 9.15 Uhr habe ich also noch nicht ein einziges Ritual gepflegt, und gefrühstückt habe ich in den meisten Fällen auch noch nicht. Glaubt man dem überwiegenden Teil der Ernährungs- und vielen Achtsamkeitsratgebern, habe ich damit bereits den Grundstein für einen erfolglosen Tag gelegt, oder zumindest mache ich mir selbst das Leben unnötig schwer.

Jedes Mal, wenn ich versuchte, ein neues „Ritual“ zu etablieren, konnte ich mir selbst dabei zusehen, wie ich völlig überfordert war. „Trinken Sie jeden Morgen nach dem Aufstehen ein Glas Wasser“ beispielsweise. Einfach morgens in die Küche gehen? Vergesse ich meistens, weil ich gleich nach dem Aufstehen ins Bad gehe. Ein Glas ins Bad stellen? Keine Ablagefläche. Auf den Nachttisch? Da vergesse ich immer, es wieder  aufzufüllen. Drei Tage klappt es, dann lasse ich es wieder sein. Und so geht es mir häufig mit mir eigentlich gut tuenden Dingen, die rein logistisch bei mir scheitern. Was wohl auch daran liegt, dass mir der (neudeutsch) Benefit noch nicht hoch genug war, als dass ich dafür wirklich etwas ändern möchte. Ergo: Kein Ritual.

Aber braucht es das denn eigentlich? Warum wird es von allen Seiten als so wichtig dargestellt, bestimmte Dinge immer nach einem gleichen Schema zu tun? Macht es das wirklich so viel einfacher, mit den Anforderungen des Alltags besser umzugehen? Bisher bekomme ich Arbeit, Ehe, Familie, Freizeit, Freunde etc. gut unter einen Hut. Gut, manchmal gibt es Dinge, für die ich doch gerne mehr Zeit hätte, aber ließe sich das darüber lösen, es zu ritualisieren? Ab und zu wünsche ich mir tatsächlich, gewisse Dinge ganz wie selbstverständlich zu tun, ohne großartig darüber nachzudenken, ob oder ob nicht das nun in meinen Zeitplan passt. Aber das sind nicht wirklich Dinge, die man gerne als Ritual bezeichnet – beispielsweise die Bügelaktion, nachdem die Wäsche trocken ist, oder dass man den Müll jeden Abend nach dem Essen runterbringt.

Ich lebe ganz gut damit, die Dinge so zu nehmen und zu tun wie sie kommen. Natürlich kann man immer etwas verbessern, optimieren oder korrigieren; aber das eben auch dann, wenn es an der Zeit dafür ist. Vielleicht spielt bei dem Ganzen auch eine Rolle, dass der Mann und ich aufgrund der wenigen Zeit, die wir miteinander haben und die aufgrund seiner variablen Termine auch keiner Regelmäßigkeit folgt, unser Zusammensein immer voll ausschöpfen wollen – je nachdem wie viel uns davon zur Verfügung steht. Feste Rituale würden da nur als Zeitverkürzer wirken.

Vielleicht fange ich einfach eine Stufe kleiner an und etabliere gute Gewohnheiten. Das mit dem Wasser trinken klappt übrigens, seitdem ich das Glas auf dem Esstisch platziert habe, an dem ich auf dem Weg ins Bad vorbeikomme. Es liegt quasi auf dem Weg – und das ist wohl das Geheimnis dahinter. Eine kleine Modifikation dessen, was sich über Jahre eingespielt hat, ist viel leichter, als alles über den Haufen zu schmeißen, woran man sich gewöhnt hat. So hat Änderung eher eine Chance, fester Bestandteil des Alltags zu werden. Und vielleicht merkt man dann eines Tages, dass man doch so etwas wie ein Ritual gefunden hat – ohne dass man sich Hände ringend eines gesucht hätte, nur weil es ein Ratgeber empfiehlt.

Autor: Kitty

Büchermachender Bücherwurm mit feministischen Tendenzen und einer dunklen Vergangenheit im Bildungswesen. Kommuniziert viel, gerne und macht das irgendwie auch beruflich.

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